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Geschichte des Lehrstuhls

 

An der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg wurde im Jahre 1865 ein Lehrstuhl im Fach deutsche Sprache und Literatur eingerichtet. Bis dahin hielten Altphilologen, Philosophen und Historiker von Zeit zu Zeit ins germanistische Fach fallende Vorlesungen, so etwa Prof. Deuber (Historiker), Prof. Ehrhardt (Philosoph), Karl Zell (Philologe) und die Privatdozenten Rottels und Baumstark. Fünf weitere Dozenten lehrten in der Zeit vor 1865 regelmäßig über deutsche Sprache und Literatur:

  • Ernst Münch, Professor für historische Hilfswissenschaften, bot in den Jahren 1824–1828 regelmäßig Vorlesungen über deutsche Altertumskunde an, deren tatsächliche Durchführung jedoch nicht sicher ist.
  • Wilderich Weick, Privatdozent für allgemeine Geschichte und europäische Staatengeschichte, führte seit 1822 historische und literaturhistorische Vorlesungen durch.
  • Johann Heinrich Schreiber, studierter Theologe, Professor für historische Hilfswissenschaften, bot seit 1836 in direkter Nachfolge von Weick regelmäßig literaturhistorische Vorlesungen an. – 1845/46 Lehrverbot.
  • August Friedrich Gfrörer, Professor der Geschichte, war seit 1846 an der Universität Freiburg beschäftigt und hielt zwischen 1847 und 1857 regelmäßig Vorlesungen über die Literaturgeschichte des Mittelalters.
  • Johann Baptist Weiß, Privatdozent der Geschichte, hielt zwischen 1848/49 und 1852/53 insgesamt sechs Vorlesungen mit literatur- und sprachgeschichtlichen Themen.

 

Bis 1865 wurden also germanistische Themen in der Regel von Dozenten für Geschichte aufgegriffen, die diese selbst als ein Randgebiet ihres Faches auffassten. Und dies in einer Zeit, in der in Tübingen (seit 1811) und Heidelberg (1840) bereits ordentliche Lehrstühle für deutsche Philologie existierten.

 

oranges Quadrat Am 8. April 1863 wurde der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg bekannt gemacht, dass Dr. Matthias Lexer die außerordentliche Professur für deutschen Sprache und Literatur in Freiburg übernehmen würde. Dies geschah offenbar ohne Wissen und ohne Zustimmung der Universität, was zu einem kurzem Disput mit dem zuständigen Kultusministerium führte. Grundsätzlich wurde zwar die Einrichtung eines germanistischen Lehrstuhls, um den lange gerungen worden war, begrüßt, jedoch beklagten der Senat und die Fakultät, dass eine Umgehung der Universität bei Berufungen dieser nicht guttun könnte. Das Ministerium rechtfertigte sich dahingehend, dass mit der Berufung Lexers ein Sonderfall gegeben sei, da für das betreffende Fach keine Sachverständigen an der Universität Freiburg vorhanden gewesen wären.

Matthias Lexer, Herausgeber des mittelhochdeutschen Wörterbuches, begann im Wintersemester 1865/66 mit zweijähriger Verspätung seine Lehrtätigkeit (über die Ursachen der Verzögerung ist nichts bekannt). Er wurde 1866 zum ordentlichen Professor ernannt, verließ Freiburg jedoch bereits 1868 wieder, um einem Ruf nach Würzburg zu folgen.

 

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Matthias Lexer, 1830 in Kärnten geboren, Sohn eines Mühlenbesitzers. 1851 Aufnahme eines Studiums in Graz, zunächst im Fach Jura, dann jedoch in deutscher Philologie. Ablegung der Lehramtsprüfung in Wien. 1855–57 Gymnasiallehrer für Deutsch, Geographie und Geschichte in Krakau. Wiederaufnahme des Studiums in Berlin, danach Hauslehrer in Wien. 1861 philologischer Mitarbeiter der Edition deutscher Städtechroniken. 1863 Ruf an die Universität Freiburg. 1868 Ruf an die Universität Würzburg. 1891 Ruf nach München, wo er ein Jahr später starb. Lexer wurde 1885 mit dem Ritterkreuz und persönlichem Adel ausgezeichnet. 1890 berief man ihn in den obersten Schulrat des Königreiches Bayern.

oranges Quadrat Der durch den Weggang von Lexer frei werdende Lehrstuhl sollte nach einer Berufungsliste von Lexer selbst möglichst durch Heyne (Halle), Martin (Heidelberg) oder Zugitzer (Berlin) neu besetzt werden. Die Philosophische Fakultät machte sich für die Wiederbesetzung stark, ebenso wie der Senat der Universität. Jedoch lehnte das Ministerium zunächst die Wiederbesetzung ab, da sie aufgrund zu geringer Studentenzahlen nicht zu vertreten sei. Lexer wandte sich in scharfen Worten gegen diese Entscheidung, indem er argumentierte, Freiburg werde gegenüber anderen badischen Universitäten, insbesondere gegenüber Heidelberg, benachteiligt. Dem von der Fakultät erneut gestellte Antrag wurde dann im Oktober 1868 entsprochen. Neuer außerordentlicher Professor für deutsche Sprache und Literatur wurde Ernst Martin.

 

Ernst Martin, 1841 in Jena geboren, Sohn eines Arztes. Studium in Jena, Bonn und Berlin, Promotion 1862 in Berlin. 1863 legte er dort auch das Staatsexamen ab und wurde anschließend Gymnasiallehrer. Von 1866–68 war Martin Privatdozent in Heidelberg und wurde 1872 auf eigenen Antrag zum Ordinarius befördert. 1874 folgte er (offenbar aus finanziellen Gründen) einem Ruf nach Prag, 1877 einem Ruf nach Straßburg, wo er direkter Nachfolger Scherers wurde.

 

Ernst Martin regte 1868 die Gründung eines neuphilologischen Deutschen Seminars an, die dann 1874 auch erfolgte. Martin führte notwendige Grundkurse für die Bereiche deutsche Sprache und Literatur selbst durch und bot sich zudem an, Übungen für das ebenfalls neu einzurichtende Englische Seminar abzuhalten.

 

oranges Quadrat Von 1874 an folgte Hermann Paul als Lehrstuhlinhaber. Hermann Paul arbeitete vor allem in den Bereichen Literaturgeschichte / Textkritik und Sprachtheorie. Das Fach erlebte in dieser Zeit einen Aufschwung, so dass Hermann Paul es gemeinsam mit dem Literaturgeschichtler Richard Weissenfels und dem Indogermanisten Elard Hugo Meyer ausfüllen konnte. Weissenfels wurde 1887 die venia legendi für deutsche Philologie verliehen. 1894 wurde er zum a.o. Professor ernannt, ehe er 1906 a.o. Professor für neue Literaturgeschichte in Göttingen wurde. Hermann Paul erhielt 1893 einen Ruf nach München und verließ Freiburg.

Hermann Paul war seit 1884 Mitherausgeber der Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Verfasser der bedeutenden Mittelhochdeutschen Grammatik (1884 in 2., erheblich überarbeiteter Auflage erschienen), die noch heute zu den Standardwerken der Mediävistik zählt, und Verfasser der Principien der Sprachgeschichte (1880), einem der einflussreichsten Werke der Indogermanistik im 19. Jahrhundert und einem bedeutenden Werk der Junggrammatischen Schule. Zunehmend wandte er sich während seiner Zeit in München auch dem Neuhochdeutschen zu, was nicht zuletzt an seinem Deutschen Wörterbuch (1896) und seiner Deutschen Grammatik (1916–1920) ablesbar ist.

 

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Hermann Paul, 1846 nahe Magdeburg geboren, studierte in Berlin und Leipzig. Er promovierte 1870 und habilitierte sich 1872 in Leipzig, wo er auch bis zu seinem Ruf nach Freiburg lehrte. 1893 wechselte er nach München, wo er 1916 emeritiert wurde. Hermann Paul starb 1921 in München.

 

oranges Quadrat 1893 übernahm Friedrich Kluge von Hermann Paul den Lehrstuhl für deutsche Philologie. Als potentieller Nachfolger Hermann Pauls war auch Otto Behaghel (Gießen) im Gespräch gewesen. Kluge wurde in der Lehre weiterhin durch den Privatdozenten Elard Hugo Meyer unterstützt. Es kamen zusätzlich noch Friedrich Panzer (1897 Privatdozent für ältere deutsche Philologie, 1901 a.o. Professor, ab 1905 an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften in Frankfurt/Main), Alfred Götze, der 1906 die venia legendi erhielt und von 1912 bis 1925 als a.o. Professor an der Universität Freiburg tätig war, und Hans Schulz hinzu, der von 1911 bis zu seinem Tode 1915 am Lehrstuhl arbeitete.

 

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Friedrich Kluge, geboren 1856 in Köln. Studium der Vergleichenden Sprachwissenschaft, der Klassischen und Neueren Philologien in Leipzig und Straßburg. 1878 Promotion in Straßburg. 1880 Staatsexamen und Habilitation in Straßburg mit der venia legendi für Deutsche und Englische Philologie. 1884 a.o. (ab 1886 ordentlicher) Professor für deutsche und englische Philologie in Jena. 1893 Ruf an die Universität Freiburg, dort ordentlicher Professor für deutsche Sprache und Literatur. 1919 Emeritierung. 1905 erhielt Kluge das Ritterkreuz 1. Klasse vom Zähringer Löwen, 1914 das Ritterkreuz mit Eichenlaub. 1911 wurde ihm der Kgl. Preuß. Roter Adler III. Klasse und 1913 der Kgl. Bayer. Maximilianorden für Wissenschaft und Kunst verliehen. Er war Mitglied der Heidelberger, Leipziger und Münchener Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied der Kgl. Flämischen Akademie in Gent.

 

Friedrich Kluge wandte sich nach ersten rein germanistischen Arbeiten (Dissertation zur germ. Laut- und Formenlehre) vor allen Dingen der Wortbildung, Wortgeschichte und Wortverwandtschaft zu. Sein bereits zu Studentenzeiten begonnenes Etymologisches Wörterbuch erschien 1884 bereits in der 3. Auflage und kann auch heute noch als Standardwerk bezeichnet werden. Neben zahlreichen Aufsätzen zur Wortforschung veröffentlichte er auch einige Beiträge zur Sprachgeschichte des Englischen. Nach der Jahrhundertwende richtete Kluge sein Augenmerk verstärkt auf das Neuhochdeutsche und dabei insbesondere auf Schichten- oder Gruppensprachen (z.B. Rotwelsches Quellenbuch [1901], Seemannssprache [1911]), ohne jedoch die Forschung im Bereich der Indogermanistik zu vernachlässigen, was sich an zahlreichen Veröffentlichungen ablesen lässt (z.B. Elemente des Gotischen [1911], Urgermanisch [1913] oder Deutsche Sprachgeschichte aus dem Jahr 1920). Friedrich Kluge wurde 1919 vorzeitig emeritiert, wohl wegen eines1902 beginnenden und zur Erblindung führenden Augenleidens.

In Kluges Amtszeit fiel im Jahr 1901 auch die Einrichtung des "Seminars für Literaturgeschichte" mit einem eigenen Lehrstuhl. Diese wurde zunächst mit Roman Woerner (bis 1909) und dann mit Philipp Witkop (1910–1942) besetzt. Die Abspaltung der Literaturgeschichte vom Deutschen Seminar ist eine Entwicklung, die in dieser Zeit im Vergleich mit anderen Universitäten als zukunftsweisend bezeichnet werden muss.

 

oranges Quadrat Die Nachfolge von Friedrich Kluge trat im Jahr 1919/1920 Friedrich Wilhelm an. Dieser hatte seine akademische Ausbildung 1903 in München mit der Promotion abgeschlossen. 1905 erhielt er die venia legendi und wurde 1911 zum a.o. Professor ernannt. Friedrich Wilhelm machte sich vor allen Dingen als Herausgeber mittelhochdeutscher Quellentexte einen Namen.

 

oranges Quadrat Friedrich Maurer folgte 1937. Vor 1937 hatte er sechs Jahre lang als ordentlicher Professor an der Universität Erlangen gewirkt. Die venia legendi für Germanische Philologie erhielt er 1924 in Gießen, wo er 1929 auch zum a.o. Professor ernannt wurde.

 

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Friedrich Maurer, geb. 1898 in Lindenfels/Odenwald. Studium der klassischen Philologie und der vergleichenden Sprachwissenschaft in Frankfurt/Main, Heidelberg und Gießen, Promotion 1921 in Gießen bei Otto Behaghel. Habilitation 1924 in Gießen. 1937 erhielt er den Ruf an die Universität Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1966 tätig war. Friedrich Maurer erhielt 1963 den Brüder-Grimm-Preis und 1976 den Jakob-Burckhardt-Preis der Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung zu Basel. 1964 war er Mitgründer des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim.

Maurer fühlte sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit insbesondere der Verbindung der Sprachwissenschaft mit den wissenschaftlichen Disziplinen Literaturwissenschaft, Geschichte, Volkskunde und Soziologie verpflichtet, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass die Gründung des Institutes für geschichtliche Landeskunde im Deutschen Seminar zu Freiburg auf seine Initiative hin geschah. Hier entstand in Zusammenarbeit mit seinen Schülern Wolfgang Kleiber, Konrad Kunze und Heinrich Löffler der erste Historische Sprachatlas. Verdienste erwarb er sich auch um die Dichtung des Mittelalters und um die Deutsche Sprachgeschichte: u.a. brachte er 1943 in erster Auflage gemeinsam mit Friedrich Stroh die dreibändige "Deutsche Wortgeschichte" heraus. Mit seinem wohl bedeutensten Werk, dem Buch "Nordgermanen und Alemannen" (1942), stellte er der historisch umstrittenen Theorie über den Verbund der Westgermanen eine historisch plausiblere Theorie gegenüber.

 

oranges Quadrat 1968 folgte Hugo Steger Friedrich Maurer. Vier Jahre nach seiner Habilitation in Erlangen und einer kurzen Zeit als Professur in Kiel übernahm er den Lehrstuhl in Freiburg, den er trotz zahlreicher Rufe von anderen Universitäten bis zu seiner Emeritierung 1997 innehatte.

 

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Hugo Steger, 1929 in Stein bei Nürnberg geboren. Studium der Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Volkswirtschaft und Geographie in Bamberg und Erlangen. 1953 Staatsexamen in den Fächern Deutsch, Geschichte und Erdkunde. 1958 Promotion und 1964 Habilitation in Erlangen. Er wechselte 1964 für kurze Zeit nach Münster ehe er 1964/65 einen Ruf nach Kiel annahm. 1962 erhielt Hugo Steger den Kultur-Förderpreis der Stadt Nürnberg, 1982 den Duden-Preis der Stadt Mannheim. Hugo Steger verstarb am 04. April 2011.

 

Hugo Steger beschäftigte sich  mit unterschiedlichen Fragestellungen in den Bereichen Dialektologie, Mediävistik und Soziolinguistik sowie Namenkunde und Begriffsgeschichte. U.a. war er maßgeblich an der Erstellung des Südwestdeutschen Sprachatlasses beteiligt und ist Mitherausgeber der Reihe Handbücher zur Sprach- und Kommunikationsforschung. Er war langjähriger Leiter der Forschungsstelle "Gesprochene Sprache" des Instituts für Deutsche Sprache, anfänglich in Kiel, später in Freiburg.

 

oranges Quadrat Im Wintersemester 1997/98 vertrat Andreas Gardt den Lehrstuhl. Er ist inzwischen Professor an der Universität Kassel.

oranges Quadrat Ab dem 1. April 1998 bis zum 1. April 2023 war Peter Auer Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Philologie an der Universität Freiburg.

 

 

 

Quellen:

Baßler, Harald (1999): Hugo Steger 70 Jahre alt. In: Freiburger Universitätsblätter, Heft 144, 100–102.

Besch, Werner et al. (Hgg.)(1968): Festgabe für Friedrich Maurer: zum 70. Geburtstag am 5. Januar 1968. Düsseldorf : Schwann.

Brunner, Horst (Hg.)(1993): Matthias von Lexer: Beiträge zu seinem Leben und Schaffen. Stuttgart: Steiner (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik – Beihefte 80).

Burkhardt, Ursula (1976): Germanistik in Südwestdeutschland. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Dittmann, Jürgen; Kästner, Hannes; Schwitalla, Johannes (Hgg.)(1991): Erscheinungsformen der deutschen Sprache: Literatursprache, Alltagssprache, Gruppensprache, Fachsprache. Festschrift zum 60. Geburtstag von Hugo Steger. Berlin: Schmidt.

Einhauser, Eveline (1989): Die Junggrammatiker. Ein Problem für die Sprachwissenschaftsgeschichtsschreibung. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier.

Nauck, Ernst Theodor (1956): Die Privatdozenten der Universität Freiburg i.Br. 1818–1955. Freiburg: Albert (= Beiträge zur Freiburger Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Heft 8).

Ottnad, Bernd (Hg.)(1994): Baden-Württembergische Biographien, Band I. Stuttgart: Kohlhammer.

Ottnad, Bernd (Hg.)(1996): Badische Biographien, Band IV. Stuttgart: Kohlhammer.

Schuder, Werner (Hg.)(1980): Kürschners deutscher Gelehrten-Kalender. Berlin: de Gruyter.

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